Schon einige wunderschöne Bücher bereichern unsere eigene Slowflower-Bibliothek. Blumen anbauen, üppige Sträuße binden, die Natur entdecken, einen eigenen Betrieb gründen. All das haben wir schon fleißig gelesen und bewundert. Welches Thema noch nicht richtig besprochen wurde? Woher eigentlich unser Saatgut kommt und wie wir auch hier maximal regional werden können.
Bei vielen Dingen des täglichen Lebens legen wir Wert darauf, wo sie herkommen. Aber wie ist das bei Schnittblumen und deren Samen? Saatgut wird meist, abgefüllt von Grosshändlern, in Baumärkten und Discountern verkauft. Dass es auch anders geht, weiss Biologin Annika Müller-Navarra. In «Blütenreich – Schnittblumen mit Herz und Hand vermehren» vermittelt sie das nötige Wissen für den Anbau und die Vermehrung von Schnittblumen aus Saatgut.
Wir haben mit Annika gesprochen und ihr einige Fragen zum Buch und ihrer persönlichen Geschichte gestellt. Wie viel Biologie-Wissen steckt in den Kapiteln und für wen ist es interessant? Wie ist es, nicht nur die Texte, sondern auch die meisten Bilder für das eigene Buch zu kreieren? Was hat Holzwirtschaft mit Schnittblumen-Anbau zu tun? Und hast du ein persönliches Lieblingskapitel?
Freut euch auf ausführliche Antworten und eine kleine Reise hinter den schönen Buchrücken von "Blütenreich. Schnittblumen mit Herz und Hand vermehren" von Annika Müller-Nawarra.
Foto: Merle Wiedemann
Foto: Merle Wiedemann
Liebe Annika, wie ist es dazu gekommen, dass du „Blütenreich“ - ein Buch über Schnittblumen-Vermehrung geschrieben hast?
Der Verlag hat gezielt in der Slowflower-Bewegung alle Autor*innen des Buchs "Slowflower-Bewegung. Nachhaltiger Blumenanbau - Gesichter und Geschichten" nach Buchideen gefragt. Die Arbeit an dem Bewegungs-Buch fand ich damals schon sehr spannend und ich hatte das Gefühl, dass ich das auch "alleine" kann.
Das Thema war recht schnell gefunden, da ich es sehr wichtig finde, zu verstehen und zu hinterfragen, warum einiges im Schnittblumenanbau funktioniert und anderes nicht. Ursprünglich hatte ich die Idee, zu zeigen, wie man Samen und Jungpflanzen von Schnittblumen unterscheiden kann. Darum herum sind sie botanischen Themen zwangsläufig hinzugekommen.
Wie schön, dass du mit deinem Expertinnen-Thema dann gleich an der richtigen Stelle warst und wir jetzt dein Buch dazu in den Händen halten können! Hast du beim Schreiben eher an Garten-Neulinge oder Fortgeschrittene gedacht? Für wen könnten die Inhalte besonders interessant sein?
Mit meinem Buch sollen sich alle angesprochen fühlen, die mit Blumen arbeiten. Es hat zum Ziel, sich an die Vermehrung von Blumen heranzutrauen und sich eingehender mit der Botanik auseinanderzusetzen. Dies ist nicht nur für die gezielte Vermehrung, sondern auch für den "einfachen" Anbau wichtig. Wenn die botanischen Hintergründe verstanden sind, lassen sich Anbau- und Kultivierungsfehler vermeiden und der Anbau optimieren.
Also kann es für Garten-Anfänger*innen oder Fortgeschrittenen gleichermaßen wertvolle Infos enthalten.
Das Buch soll Mut zum Anfang machen. Es soll auch die Verwirrungen, die z.B. durch die unzähligen Social-Media-Beiträge zum Blumenanbau entstehen, auffangen und auflösen. Und vor allem soll es dazu anregen, Blumen selbst zu vermehren und nicht jedes Jahr neue Samen zu kaufen.
Du bist ja studierte Biologin und in deinem Buch gibt es unter anderem Kapitel zu Grundlagen der Botanik und Selektion, aber auch konkrete Aussaattipps. Wie viel Wissen im Buch kommt aus deiner Arbeit in der Wissenschaft/dem Studium und wie viel ist Wissen aus deiner eigenen Praxis im Blumengarten?
Ja, ich habe Holzwirtschaft studiert und mich in meiner Promotion und den Abschlussarbeiten davor mit holzbewohnenden Pilzen und Bakterien an Bäumen beschäftigt. Klingt erstmal so, als gäbe es da keinen Zusammenhang zu unseren Schnittblumen. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass Landpflanzen, speziell die Bedecktsamer, zu denen auch viele Bäume gehören, ebenfalls wie Schnittblumen, Samenpflanzen sind. Die Vermehrung von Pflanzen über Samen läuft immer nach demselben Prinzip ab: Keimen, Wachsen, Blühen, Bestäubung, Samenbildung. Daher der Link zu meinem Studium, in dem Botanik ebenfalls Teil des Lehrplans war.
Schnittblumen unterscheiden sich aber ganz entscheidend von Bäumen. Die Arten aus meinem Buch sind alle einjährige Pflanzen. Bäume hingegen werden meist mehrere Hundert Jahre alt. Bis Bäume sich generativ, also über Samen, fortpflanzen und vermehren können, vergehen bis zu 20 Jahre.
Mit der gezielten Vermehrung von Schnittblumen beschäftige ich mich im Detail erst seit meiner Unternehmensgründung 2020. Aber ohne mein Studium wäre der Einstieg in dieses Thema sicherlich schwerer gewesen.
Was den Anbau der Blumen angeht, konnte ich vieles durch Ausprobieren lernen. Besonders im Bereich "Schnittblumenanbau ohne Anzucht im Haus" habe ich vieles probiert, bevor ich den für mich richtigen Weg gefunden habe.
Stimmt, nicht nur die Botanik-Kapitel, sonder auch Tipps für eben diese Anzucht "außer" Haus finden sich in deinem Buch! Besonders heraus sticht aber auch das Kapitel mit den Schnittblumenporträts! Das steckt voller wunderschöner Blumenbilder und detailreicher Fotos zu Keimlingen, Samen und Co. Einen Großteil davon hast du selbst fotografiert, richtig? Wie war das für dich, sowohl Texte als auch Bilder zu planen und wie können wir uns den Prozess praktisch vorstellen? Wieviele Monate, Jahre stecken hinter dem Buch-Projekt?
Ja, die meisten Bilder habe ich selbst gemacht. Nachdem ich die Auswahl für die Schnittblumenarten gemacht hatte, habe ich begonnen einzelne Details zu fotografieren.
Da ich von jeder Art die Keim- und ersten Laubblätter, die Blüten und Samenstände fotografieren wollte, musste ich bei meinen Anzuchten, die ich für meine Ernte gemacht habe, auf die ausgesuchten Arten einen Fokus legen. Blüten, Beete und Sträuße habe ich eher ungeplant fotografiert. Ich hatte zwei Jahre Zeit für die Bilder. Die Texte habe ich innerhalb eines Jahres etwa geschrieben. Den beschreibenden Teil des Buches konnte ich gut mit Bildern aus meinem Fundus der beiden Jahre ausstatten. Die Pflanzenporträts waren besser planbar, sodass ich fehlende Bilder "nachfotografieren" konnte, wenn noch eines fehlte. Trotzdem war die Bildauswahl echt schwierig. Und ich habe bis zum Schluss noch Bilder tauschen können.
Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch in meinen Händen hat es fast genau zwei Jahre gedauert.
Wow, dort die richtige Auswahl zu treffen ist sicherlich eine Aufgabe für sich! Herausgekommen ist eine richtig stimmige Mischung, teilweise sehr detailliert und praktisch zum erkennen, gerade die Fotos aus deinem Garten aber auch ganz träumerisch und inspirierend. An welchem Kapitel saßt du am Ende am längsten und welches ist deine Lieblingsseite?
Am längsten hat der beschreibende Teil des Buches gebraucht. Hier war es mir wichtig den "roten Faden" nicht zu verlieren. Fachlich sollte natürlich auch alles verständlich sein. Schwierig fand ich es auch, mich nicht in biologischen Details zu verlieren. Da kommt man schnell von hundertsten ins tausendste.
Ich mag besonders die beiden Doppelseiten, die die Samen und die Baby-Pflanzen nebeneinander darstellen. Hier kommt die ursprüngliche Idee meines Buches, Samen und Jungpflanzen voneinander unterscheiden zu lernen auf den Punkt.
Ich erinnere mich noch, dass du vor einiger Zeit auf Instagram einige Gegenüberstellungen dieser Art veröffentlicht hast. Wie schön, dass deine erste Idee dann auch ihren Platz im Buch bekommen hat! Du bist inzwischen ziemlich lang Mitglied der Slowflower-Bewegung - welche Rolle spielt sie auf deiner Reise mit den Blumen?
Auch wenn ich die SFB noch nicht kannte, als die Idee vom Blumenanbau und-Verkauf in meinem Kopf reifte und ich die ersten Samen dafür aussäte, war ich sofort von der Gemeinschaft begeistert, als ich sie kurz darauf fand. Ich wurde sofort aufgenommen und meine Idee, Schnittblumen anzubauen, wurde nicht als Albernheit abgetan. Das war ein riesen Support! Und auch heute noch sind alle Kontakte, die ich innerhalb der Bewegung schon gefunden haben und, die sicher noch entstehen, Gold wert. Dafür bin ich dankbar.
Und ich danke dir für deine ausführlichen Antworten und all das Wissen (und die schönen Fotos), welche du in deinem Buch mit uns teilst! Magst du das Schlusswort haben und unseren Leser*innen noch etwas mit auf den Weg geben?
Wenn ihr mit dem Blumenanbau starten wollt oder bereits die ersten Blüten ernten konntet, macht weiter, findet euren eigenen Weg. Jeder Garten und jedes Blumenfeld ist anders. Findet "eure Schnittblumen-arten" und eure Art und Weise, sie anzubauen und zu vermehren.
Interview: Emma Auerbach, Fotos: Annika Müller-Nawarra
Blütenreich - Schnittblumen mit Herz und Hand vermehren
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